Zeitgeschichte 1945–1948 (3)

Aus Wugwiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Ein gebürtiger Weißenburger erinnert sich

Ich war während des Krieges Oberschüler. Dass der Krieg eine konkrete Gefahr für mich bedeuten sollte, erfasste ich damals noch nicht. Die englischen Bomben, die 1940 auf der Schönau gefallen sind, blieben für Weißenburg Gott sei Dank ohne Folgen. Sie waren für mich eher ein Abenteuer. Wenn es in der Nacht Fliegeralarm gab, fing der Unterricht erst eine Stunde später an. So hoffte ich öfters auf Fliegeralarm. Im Soldaten sah ich den stolzen Uniformträger, den ich bewunderte. Verwundung oder Tod hatte ich dabei nicht im Kopf.

Damals begann das Schuljahr zu Ostern. Wir wurden nach der 7. Kl. Oberschule (heutige Zählung: 11. Kl. Gymnasium) mit einem „Abgangszeugnis („Reifevermerk“ – Notabitur) entlassen und am 3. Mai 1944 zur Wehrmacht eingezogen. Ich kam zu den Funkern. Wir wurden im Verlauf des Krieges nach Süden abgedrängt, waren vorher noch zur Ortsverteidigung eingesetzt und weil die Einheiten zersprengt waren, sollten wir uns auf eigene Faust auflösen. So schlugen wir uns zu zweit nach Kufstein durch, teils zu Fuß, teils von Wehrmachtsfahrzeugen mitgenommen, und harrten dort bis zum Kriegsende am 8. Mai 1945 aus. Dieses Gebiet war noch nicht besetzt. Der Frau, bei der wir untergebracht waren, schenkten wir zum Dank eine gegerbte Kuhhaut (Rindsleder), die wir aus Wehrmachtsbeständen hatten.

Sie hat uns noch nach Oberbayern gebracht, aber die amerikanischen Besatzungssoldaten haben uns geschnappt. Wir hatten ja noch die Uniform an. Sie nahmen uns unsere Uhren und Füller ab, verluden uns auf einen LKW und brachten uns in ein Gefangenenlager unter freiem Himmel bei Brannenburg im Inntal (südlich von Rosenheim). Dort mussten wir bis Mitte Juli unter freiem Himmel schlafen. Es fanden sich einige Weißenburger unter den Gefangenen. Wir gruben uns eine etwa 3 x 3 m große Grube, um nicht so schutzlos dem Wind ausgesetzt gewesen zu sein. Die ersten Tage hatten wir nichts zu essen. Ich musste von den spärlichen Resten in meinen Manteltaschen leben. Später bekamen drei Mann ein Kommissbrot am Tag. Trotzdem waren sowohl während des Krieges als auch jetzt in der Gefangenschaft Kameradschaft und gegenseitige Hilfe großgeschrieben.

Nach und nach wurden dann Gefangene entlassen: zuerst Bauern zur Feldbestellung, dann Eisenbahner und Schüler. Ich gab mich als Landwirtschaftsschüler aus und war bei den Entlassenen. Wir wurden auf einen LKW der US Army geladen, der Richtung Nürnberg fuhr. In Weißenburg durfte ich vom Laster springen und war frei.

Gedenkstele für die 101 Gefallenen und 31 Vermissten der Weißenburger Oberschule im Gebäude der FOS Weißenburg in der Wildbadstraße

Ich hatte den Krieg überlebt, während etwa ein Drittel meiner Klassenkameraden gefallen war. Die Stele im alten Gymnasium, der heutigen FOS, nennt alle Namen. Ein 19-jähriger Schulfreund hatte besonderes Pech: Er stand an der Türe und schaute den in Weißenburg einrückenden Amerikanern zu. Er hatte die grüne Trachtenjacke seines Vaters an. Daraufhin nahm ihn ein Amerikaner fest mit den Worten: „Du Alpenjäger!“ Er kam ein Dreivierteljahr in Gefangenschaft.

Vom Herbst 1945 bis Frühling 1946 belegte ich als Evangelischer an der katholischen Bischöflich philosophisch-theologischen Hochschule in Eichstätt, wo ich ein Zimmer mieten konnte, verschiedene Fächer, u. a. Englisch, Logik und Mathematik und legte Prüfungen ab. Im Schuljahr 1946/47 besuchte ich dann in Weißenburg die Abschlussklasse an der Oberschule, musste aber kein Abitur mehr schreiben, da ich ja schon den Reifevermerk hatte.

Ein besonderes Problem war die Sperrstunde, anfangs von 18 – 6 Uhr früh, später von 22 – 6 Uhr. Kein Deutscher durfte sich da mehr auf der Straße aufhalten. Die amerikanischen Besatzer waren da sehr streng. Tagsüber führten sie Kontrollen durch. Sie hatten unter anderem im Café Engelhardt in der Ellinger Str. und in der Luitpoldstraße Quartiere. Es waren meist Farbige. Wenn sie angetrunken waren, suchten sie Händel, riefen einem Schimpfwörter nach oder durchsuchten einen und gelegentlich nahmen sie Gegenstände ab. Einmal wollte einer mit mir boxen. Sie zogen sehr schnell die Waffen. Man musste gewärtig sein, dass sie die Waffe zogen. So wurde ein Jugendlicher einmal angeschossen. Wenn man bis zur Sperrstunde nicht zu Hause war, musste man bei anderen Leuten übernachten. Man riskierte unter Umständen sein Leben, nach dieser Zeit noch auf der Straße zu sein. Die Sperrstunde galt auch an Silvester!

Bis Kriegsende klappte die Versorgung mit Lebensmitteln noch verhältnismäßig gut, aber nach dem 8. Mai 1945 brach diese zusammen. Was dann über die Lebensmittelkarten zugeteilt war, reichte hinten und vorne nicht aus. Somit blühten der Tauschhandel und Schwarzmarkt. Ich rauchte zwar, aber wenig. So war ich da schon besser dran als viele Männer, die im eigenen Garten oder auf Balkonkästen Tabak anbauten, diesen dann selbst fermentierten, feinschnitten und in Zeitungspapier rollten zum Rauchen.

Ansonsten fuhren wir immer wieder auf die Dörfer zu den Bauern und versuchten durch Tauschen Lebensmittel zu bekommen, z. B. einen Teppich gegen ein Stück Schweinefleisch. Im Herbst 1945 und 1946 haben wir uns auch mit Äpfeln „versorgt“. Der Hunger war größer als das schlechte Gewissen. Geld hatte praktisch keinen Wert mehr.

Am besten ging es den Bediensteten bei den amerikanischen Militärbehörden. Sie bekamen Schokolade oder – noch wertvoller – amerikanische Zigaretten (Lucky Strike). Die waren Gold wert. Für die konnte man nahezu alles haben. Mädchen, die ein Verhältnis mit einem amerikanischen Besatzungssoldaten eingingen, standen materiell gut da.

Aber nicht nur der Hunger plagte uns, es gab auch keine Schuhe. So trugen wir z. B. auch Schuhe, die aus einer dicken Holzsohle bestanden und anstelle des Oberleders eine Kappe aus festem Stoff hatten – nichts für Regenwetter! Und da „Spinnstoffe“, wie es damals hieß, kaum zu bekommen waren, trugen wir Militärkleidung auf.

Die Entnazifizierung war für mich problemlos, da ich unter das „Jugendamnestiegesetz“ fiel, wie diese Bestätigung zeigt:
König entnazif 0004.jpg

Ich wollte Chemie studieren. Der damalige Landtagsabgeordnete Heinrich Stöhr fuhr mit meinem Vater und mir noch zur Universität Erlangen, um für mich ein gutes Wort einzulegen, da beim Studium Rückkehrer bevorzugt wurden. Aber mir fehlten die Praktika. So entschloss ich mich für den Abiturientenlehrgang 1947/48 an der Lehrerbildungsanstalt in Nürnberg. Dieser Ausbildung für Volksschullehrer ging eine psychologische Prüfung voraus – bestimmt keine schlechte Einrichtung. Über 700 Interessenten meldeten sich, nur etwa 70 wurden genommen, ich war einer der Glücklichen. Es folgten Einsätze als Lehramtsanwärter in Weißenburg und Suffersheim.

Als Lehrer war ich eine Amtsperson und war bei der Währungsreform am Sonntag, dem 21. Juni 1948, in Weißenburg in der Umtauschstelle eingesetzt, in der Reichsmark in die neue DMark gewechselt wurden. – Danach begann ein neues Leben, weil es auf einmal wieder alles gab.

Der Berichterstatter wollte anonym bleiben. Er ist dem Verfasser gut bekannt und bürgt dafür, dass alle Aussagen nach bestem Wissen und Gewissen gemacht wurden.

Siehe auch