Geschichtliche Beziehungen zwischen dem Weißenburger Raum und den Sudetenländern

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Im Bewusstsein vieler geschichtlicher Gemeinsamkeiten

In der langen gemeinsamen Geschichte im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation ist zwischen dem Weißenburger Raum und den Sudetenländern Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien eine Vielzahl von geschichtlichen Beziehungen entstanden. Die vier wichtigsten Territorialgewalten im Weißenburger Raum, entsprechend etwa dem Altlandkreis Weißenburg, waren vom ausgehenden Mittelalter bis zum Ende des alten Reiches die freie Reichsstadt Weißenburg, die Grafschaft der Reichserbmarschälle von Pappenheim, der Deutsche Orden in Ellingen und die Markgrafen von Ansbach. Hatten die ersten drei immer enge Bindungen an das Reich, so waren die Markgrafen von Ansbach durch Gebietserwerbungen in Sudetenschlesien mit den Sudetenländern verbunden.

Pallas der staufischen Kaiserpfalz in Eger mit der Doppelkapelle wie in Nürnberg

Eine ganze Reihe von Urkunden der freien Reichsstadt Weißenburg wurde in Prag ausgestellt, das lange Zeit die Hauptstadt des Reiches war. Unter diesen Urkunden sind so wichtige wie die zweite Waldschenkung von 1350 durch Kaiser Karl IV. oder jene von 1376, die Weißenburg das Recht gab, die südliche Vorstadt mit Mauer und Graben zu umfassen. „Gegeben zu Prag am 8. Januar 1360" steht auf der bedeutsamen Urkunde, die den Bürgern von Weißenburg die Lösung aus der Verpfändung für 28.000 Gulden bestätigt, wozu Kaiser Karl IV. 4.000 Gulden beisteuerte. Näheres siehe Die Bedeutung Kaiser Karls IV. für Weißenburg.

Entscheidend für die Zukunft der Reichsstadt war darin die Zusicherung, dass die Stadt nimmer versetzt werden soll. Das Schicksal des Reichslandes Eger, das von Kaiser Ludwig dem Bayern drei Jahre vor der Verpfändung Weißenburgs 1322 an die böhmische Krone verpfändet, aber nie mehr ausgelöst wurde, veranschaulicht den Wert der kaiserlichen Zusage.

Ein wichtiges Jahr war für Stopfenheim das Jahr 1349, als es von Karl IV. das Marktrecht verliehen bekam. Der böhmische König Karl wurde erst 1346 zum deutschen König gewählt und hat noch, ehe er 1355 als Karl IV. zum römisch-deutschen Kaiser gewählt wurde, Stopfenheim das Recht verliehen, dass es jährlich vier Jahrmärkte abhalten darf. Daraus ist zu schließen, dass es doch ein bedeutendes Dorf gewesen sein muss. Die Urkunde wurde in Taus ausgestellt. Diese Stadt liegt in Westböhmen am östlichen Rande des Böhmerwaldes. Das Marktrecht für Stopfenheim wurde dannn noch einmal bestätigt, und zwar von Kaiser Karls Sohn, dem römisch-deutschen König Wenzel, der diese Urkunde 1398 in Nürnberg ausstellen ließ.[1]

Mit der Gründung der ersten Reichsuniversität in Prag durch Kaiser Karl IV. in Prag im Jahre 1348 gehen im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche ehemalige Weißenburger Lateinschüler zum Studium nach Prag, wie Namenlisten beweisen.

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Die Hussitenkriege in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts bedrohten weite Teile des Reiches. So kam es 1431 zu einem Heereszug gegen die Hussiten. In dieser Heereszugordnung sind neben vielen Fürsten die Reichsstädte genannt, die sich daran beteiligten. Dabei stehen der Reihe nach: Nürnberg, Regensburg, Rothenburg, Dinkelsbühl, Nördlingen, Weißenburg, Windsheim, Mühlhausen, Eger, Elbogen an der Eger, Augsburg, Ulm ... [2]

Am Anfang des 16. Jahrhunderts findet man eine erste Verbindung Weißenburgs zur Patenstadt Kaaden. Ein Michael von Kaaden fertigt in Nürnberg ein Rechtsgutachten für die Reichsstadt Weißenburg an.

In den Weißenburger Kirchenbüchern erscheint 1585 als erster Deutscher aus Böhmen der Bergmann Johann Rosenbaum aus St. Joachimsthal im Erzgebirge, der hier heiratet. Ab 1608 sind dann in den Eintragungen häufig Personen aus den Sudetenländern zu finden. Unter ihnen waren Soldaten und Handwerker, aber auch Exulanten. Als Herkunftsorte werden angegeben: Eger, Karlsbad und Schlaggenwald, Weißensulz und Metzling (alle fünf im Egerland), Hotzenplotz in Sudetenschlesien, Prag, Jungbunzlau (nordöstlich von Prag), Kremsier in Mähren und Graslitz im böhmischen Erzgebirge. Die Tuchmacher Lindner und Zimmermann aus Eger und Schuhmann aus Graslitz erlangen 1661 das Weißenburger Bürgerrecht.

Andererseits ziehen Weißenburger nach Böhmen und Mähren und lassen sich in Prag, Brünn, Theusing im Egerland und besonders häufig in Eger nieder. Julius SCHMUCK nennt in den Weißenburger Heimatblättern von 1938 Dutzende Personen aus den böhmischen Ländern, die nach Weißenburg zugezogen sind und andere, die nach Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien abgewandert sind.

Zahlreiche Verbindungen gehen von Ellingen, der Residenz der reichen Deutschordens-Ballei Franken, zur Ballei Böhmen. In Freudenthal (Ostsudetenland), das zwischen den beiden Weltkriegen sogar Hochmeisterresidenz war, fand man das Orginal-Entwurfsmodell des Ellinger Schlosses. Es ist nun im Museum der Stadt Troppau, in der sich eine der ältesten Ordensniederlassungen befand, ausgestellt.

Sehr deutlich zeigen sich die vielfältigen Beziehungen zu den böhmischen Ländern am Beispiel des berühmten Heerführers Erbmarschall Gottfried Heinrich von Pappenheim. In Treuchtlingen 1594 geboren, heiratet er nach Studium und Reisen die Tochter eines böhmischen Grafen, beginnt als Rittmeister im Heer Tillys, zeichnet sich als Oberst in der Schlacht am Weißen Berge bei Prag aus, die ihm mehr als 20 Wunden und den Namen "Schrammheinz" einträgt. Nach einer steilen Karriere wird er auf Grund seines Mutes und seiner Tapferkeit Feldmarschall und erhält von Kaiser Ferdinand II. drei böhmische Herrschaften, darunter das sudetendeutsche Grulich.

Briefmarke der Deutschen Bundespost von 1972: 175 Jahre Flachdruckverfahren durch A. Senefelder

Seither führt die Stadt Grulich in ihrem Wappen das Schwert der Reichserbmarschälle. In der Schlacht bei Lützen 1632, in der der Schwedenkönig Gustav Adolf den Tod fand, fällt der Pappenheimer, tollkühn in der ersten Reihe kämpfend. Wallenstein ließ ihn nach Prag überführen und im Kloster Strahov auf dem Hradschin beisetzen. Neben ihm ruht sein Sohn, der als letzter Pappenheimer der Treuchtlinger Linie 1617 im Duell fiel.

Aus Prag stammt der Erfinder der Lithographie Alois Senefelder, der 1771 dort geboren wurde. Sein Denkmal in Solnhofen zeigt, welche Bedeutung seine Erfindung für das Solnhofener Steinbruchgebiet hatte. Die Senefelder-Schule in Treuchtlingen ist nach ihm benannt.

Unter Markgraf Siegmund zu Kulmbach (1486-1495) hieß es: Das Gebiet der beiden Markgrafschaften Ansbach und Bayreuth fängt an "zu Eger bei der Mauer und reicht bis an das Kreuz bei Uffenhaim und an das Gesteig ob Eichstätt." [3]

linkes Wappen über dem Portal der Wülzburg

Über dem Eingangstor der Wülzburg (Wülzburg - Gedenkstätten) weist das linke Wappen des Erbauers wiederum auf die engen geschichtlichen Verflechtungen der Markgrafen von Ansbach mit dem gesamten Deutschen Osten hin.

Dieses Wappen des Markgrafen Georg Friedrich enthält die Wappen von Brandenburg, des Burggrafen von Nürnberg, von Stettin, Pommern, der Wenden, der Cassuben, von Rügen, Preußen, Schlesien. Hohenzollern und nicht zuletzt das Wappen des Herzogtums Jägerndorf in Sudetenschlesien, nämlich einen schwarzen Adler auf silbernem Feld, belegt mit einem silbernen Jagdhorn. 1523 hatte Markgraf Georg der Fromme das Herzogtum Jägerndorf erworben. 1527, früher als in der Markgrafschaft Ansbach, führte er die Reformation im Herzogtum ein. 1530 ließ er das herzogliche Schloss in Jägerndorf erbauen, fünf Jahre später Schloss Ratibor in Roth b. Nbg., an dem heute noch zu lesen ist, dass Markgraf Georg, „auch in Schlesien zu Jägerndorf Herzog..., Herr der Fürstenthümer Oppeln und Ratibor," dieses Schloss von den Einkommen der schlesischen Fürstentümer bauen ließ.

Häufig weilten sowohl Markgraf Georg als auch sein Sohn Georg Friedrich in Jägerndorf, obwohl die Reise von Ansbach nach Jägerndorf damals drei Wochen dauerte. Die Ansbacher Herrscher waren beliebt im Herzogtum Jägerndorf, weil sie ein gerechtes Regiment führten, die Bürger vor Übergriffen schützten und das Gewerbe und das Schulwesen förderten. Ein reger Handel entwickelte sich zwischen Ansbach und Jägerndorf, Beamte und Bedienstete wurden zwischen den beiden Besitzungen ausgetauscht. Mit dem Tode von Markgraf Georg Friedrich erlosch die fränkische Linie der Hohenzollern, und das Herzogtum Jägerndorf fiel 1603 an den Kurfürsten von Brandenburg und 1622 an die Fürsten von Liechtenstein.

Hatte Markgraf Georg 1540 das Kloster Wülzburg säkularisiert, so ließ sein Sohn Georg Friedrich ab 1588 die Wülzburg bauen. Bei Sanierungsarbeiten kam im Jahre 2008 im Sockelbereich der Bastion Jungfrau die steinerne Bautafel zum Vorschein, deren unterer Teil vorher verdeckt war. Auf ihr ist zu lesen:

VO:G:G:GEO:FRID:MAR:ZU:BRAN:HERZ:IN PREU:SCHLES:JEGERND:BURG:ZU:NUR:V:FUR:Z:RUG:& ANNO 1590

Der Text bedeutet: Von Gottes Gnaden Georg Friedrich, Markgraf zu Brandenburg, Herzog in Preußen, Schlesien, Jägerndorf, Burggraf zu Nürnberg und Fürst zu Rügland etc. Im Jahre 1590

Die Wülzburg war nach dem Zweiten Weltkrieg für viele Flüchtlinge und Vertriebene die erste Zuflucht. Fast 10.000 Personen wurden durch das Flüchtlingslager Wülzburg geschleust, überwiegend Sudetendeutsche. Unter den Transporten aus dem Egerland, dem Schönhengstgau, der Kaadener Gegend und anderen war auch ein Transport aus dem Kreise Jägerndorf.

Solidarität zeigte Weißenburg im Jahre 1744 mit der Stadt Eger. Dort war bei der Belagerung und Beschießung der Stadt durch die Franzosen während des österreichischen Erbfolgekrieges auch die große Stadtpfarrkirche zerstört worden. Die Reichsstadt Weißenburg spendete sechs Golddukaten (die Reichsstadt Schweinfurt 12 Reichstaler) an die Reichsstadt Eger für den Wiederaufbau.[4]

Die vielen geschichtlichen Verbindungen, die sicher hier nur in Teilbereichen dargestellt sind, rissen nach dem Ende des alten Reiches (1806) nicht ab. Bis 1866 gehörten die österreichischen Kronländer Böhmen, Mähren und Schlesien dem Deutschen Bund an. Wie der Abgeordnete des damaligen Wahlkreises Ellingen, Dr. Wilhelm Stahl, so gehörten 50 Abgeordnete aus Deutschböhmen, Mähren und Österreichisch Schlesien der ersten Deutschen Nationalversammlung 1848 in Frankfurt/M. an. Dass der Versuch, in der Frankfurter Paulskirche einen demokratischen, alle Deutschen umfassenden Staat zu schaffen, dann scheiterte, traf die Sudetendeutschen aber ungleich folgengenschwerer. Während der 20 Jahre tschechischer Herrschaft von 1918-38 über die sudetendeutschen Gebiete blieb die lange gemeinsame Geschichte lebendig.

„Im Bewusstsein vieler geschichtlicher Gemeinsamkeiten," so die Worte der Patenschaftsurkunde von 1955, übernahm die Stadt Weißenburg die Patenschaft über die vertriebenen Bürger der Stadt Kaaden a. d. Eger. Inzwischen hat sich diese Patenschaft stillschweigend auf die Heimatvertriebenen aus dem ganzen Kreis Kaaden-Duppau ausgedehnt. Sie hat, wie die Patenschaften im Landkreis, so Pappenheim-Buchau und Gunzenhausen-Weipert, neue lebendige Verbindungen zu den Menschen aus dem Sudetenland geschaffen. Und bei den zahlreichen Heimattreffen können die Landsleute in den geschichtsbewussten Patenstädten sicher noch so manche Gemeinsamkeit entdecken. Andererseits ist für Einheimische der Besuch des "Hauses Kaaden" am Martin-Luther-Platz in Weißenburg ebenfalls sehr lohnenswert.[5]

Der sog. Schnurrerhof in Taubrath bei Eger

Bleibt noch der Hinweis, dass die hiesige und die Egerländer Mundart eng miteinander verwandt sind. So gibt es die sog. gestürzten Zwielaute, z. B. bei Kou und Fouß für Kuh und Fuß, ebenso bei Käi und Fäiß (für Kühe und Füße), die im Egerländischen Köi und Föiß heißen. Lag Weißenburg "am Nordgau", so lag Eger "im Nordgau". Das Nordbairische zeigt sich nicht nur bei den genannten Beispielen, sondern auch, dass z. B. das Haar Houa heißt und man für lassen loua sagt, auch wenn natürlich viele Unterschiede bleiben: Die Madli sind im Egerländischen die Moidln und der Mu ist der Moa(n und das harte t ist im Egerländischen nur am Wortanfang weich, sonst wird es hart ausgesprochen. Da das historische Egerland bis in die nördliche Oberpfalz und das östliche Fichtelgebirge reicht, ist die Egerländer Mundart dort heute noch zu Hause.

Schließlich soll das Fachwerk nicht vergessen werden. Viele sudetendeutsche Gebirgsgegenden wurden verhältnismäßig spät besiedelt - oft kamen die Siedler, die die Wälder rodeten und Dörfer und Fluren anlegten, aus Franken. So finden wir in diesen Gegenden nicht nur das fränkische Gehöft wieder, sondern auch Fachwerkhäuser, die sich gerade im Egerland zu einer Hochblüte entwickeln konnten.

Durch die Vertreibung der Sudetendeutschen aus ihrer angestammten Heimat sind Tausende von ihnen in den Raum Weißenburg gekommen und viele von ihnen haben sich hier in vielfältiger Weise eingebracht, in der Wirtschaft und im Handel ebenso wie im kulturellen, politischen oder öffentlichen Leben, wie dies von allen Verantwortlichen immer wieder betont wurde und wird.[6]

Siehe auch

Fußnoten

  1. Kopie der Urkunde und Übertragung ins Neuhochdeutsche in: Stopfenheimer Heimatbuch - 1100 Jahre Heimatgeschichte von 895 bis 1995, Hsg. Stadt Ellingen, Redaktion Michael Bittner, Weißenburg 1995, S. 52 f
  2. STURM, Heribert: Eger, Geschichte einer Reichsstadt, Band 2, Augsburg 1952, S. 217
  3. RIEDER, Otto: Geschichte der ehemaligen Reichsstadt und Reichspflege Weißenburg am Nordgau, bearbeitet von Reiner Kammerl, Band 1, Weißenburg 2002, S. 653, Fußnote
  4. nach SCHMUCK, Julius in: Weißenburger Heimatblätter 1944, S. 76
  5. Text nach MÜLLER, Herbert: Geschichtliche Beziehungen zwischen dem Weißenburger Raum und den Sudetenländern, in: "40 Jahre Sudetendeutsche Landsmannschaft, Kreisgruppe Weißenburg, Weißenburg 1989, S. 31 f
  6. Ergänzungen von BEIER, Ulf, Weißenburg 2013